Schienbeinschmerzen – Shin-Splint oder das Schienbeinkantensyndrom

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Viele Ausdauersportler kennen das: immer wieder auftretende Schienbeinschmerzen an der Kante des Schienbeins, die einem die nächste Trainingsrunde vermiesen. Hier lesen Sie, wie Sie das Schienbeinkantensyndrom vermeiden, erkennen oder behandeln können.

Wer extrem über die Ferse abrollt, riskiert Schienbeinschmerzen.

Shin-splint-Syndrom, Tendoperiostose, Tibiales Stress-Syndrom, Schienbeinkantensyndrom – viele Bezeichnungen für ein und dasselbe Problem: die Reizung der Knochenhaut an der inneren oder vorderen Schienbeinkante. Gerade nach einer längeren Trainingspause ist die Gefahr einer solchen Verletzung besonders hoch.

Das Stechen und die Schmerzen am Schienbein können aber auch bedingt sein durch Knick- oder Senkfüße, unbewusste Fehlbelastungen nach lange zurückliegenden Verletzungen, neue Laufschuhe, eine veränderte Lauftechnik oder zu abrupte Wechsel des Bodenbelags. Auch ständiges Kurven laufen auf der Bahn und intensives Training auf hartem Untergrund bedeuten für die Knochen des Unterschenkels großen Stress. Die Schienbeine von sogenannten „Charlie-Chaplin-Läufern“, also Sportlern, die den Fuß beim Laufen relativ weit außen rotiert aufsetzen, sind besonders gefährdet.

Ursachenforschung.

Ein zu starkes Nach-Innen-Kippen des Fußes („Überpronation“) kann zu einer Überlastung des hinteren Schienbeinmuskel führen. Da dieser Muskel an der Rückseite des Schienbeins entspringt, kann es an seiner Ansatzstelle zu einer Reizung der Knochenhaut und damit zum „inneren“ oder „medialen Schienbeinkantensyndrom“ kommen. Wer sich beim Laufen verstärkt über die kleinen Zehen abstößt und dafür den Fuß in der Abrollbewegung nach außen kippt („Supination“), überlastet dagegen eher den langen Beugemuskel der Kleinzehe. An seinem Ursprung am Schienbeinknochen kann das ebenfalls eine Knochenhautreizung hervorrufen.

Einem vorderen Schienbeinkantensyndrom liegen in den meisten Fällen überlastete Fußhebelmuskeln zugrunde. Besonders bei Läufern mit einem schwachen Fußgewölbe werden diese an der Fußinnenseite ansetzenden Muskeln vermehrt belastet. Häufig entsteht das vordere Schienbeinkantensyndrom aufgrund der ungünstigen Hebelverhältnisse auch bei Läufern mit ausgeprägtem Rückfußlaufstil: Zunächst zieht der vordere Schienbeinmuskel die Fußspitze nach oben, dann rollt der Fuß durch das Körpergewicht gegen den Widerstand der Muskulatur über das Fersenbein ab. Diese gleichzeitig auftretende Anspannung und Dehnung überlastet schließlich den Muskelansatzbereich und reizt die Knochenhaut des Schienbeins.

Hartnäckiger Schmerz

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Jeder, der schon einmal ein Schienbeinkantensyndrom hatte, wird die typischen Symptome so schnell nicht vergessen: Die zuweilen starken Schmerzen entlang der inneren oder vorderen Schienbeinkante sind meistens im unteren Drittel des Unterschenkels lokalisiert, bestehen häufig auf beiden Seiten gleichzeitig und können auch ins Knie ausstrahlen. Die Beschwerden treten vor allem bei gezieltem Druck sowie während oder nach einer Belastung auf und werden durch schnelles Antreten, hohes Lauftempo und Sprünge verstärkt. In Ruhe lassen die Schmerzen zwar normalerweise schnell nach, melden sich aber beim nächsten Laufversuch auch genauso rasch wieder zurück.

Durch die Schilderung des Sportlers seiner Beschwerden und die anschließende Untersuchung kann der Arzt oder Physiotherapeut die Diagnose „Schienbeinkantensyndrom“ meistens eindeutig stellen. So kann er zum Beispiel die Schmerzen am Schienbein auslösen beziehungsweise verstärken, indem er den Fuß des Läufers maximal streckt. Außerdem lässt sich im betroffenen Bereich oft eine schmerzhafte Muskelverhärtung feststellen. Häufig ist das Gewebe auch geschwollen, was ertastet werden kann.

Die richtige Diagnose

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Hinter diesen Symptomen kann allerdings auch ein anderes Krankheitsbild stecken: Bei einer sogenannten Tibia-Stressfraktur handelt es sich um einen kleinen Riss oder eine Aufweichung im Schienbeinknochen, die auch durch eine Überlastung entstehen kann. Eine Röntgenuntersuchung beziehungsweise eine Computer- (CT) oder Magnetresonanz-Tomographie (MRT) kann Klarheit schaffen.

Auch ein sogenanntes Kompartment- oder Muskellogensyndrom muss in Betracht gezogen werden – vor allem dann, wenn die Schmerzen durch die vom Arzt verordnete Therapie auch noch nach mehr als zwei Wochen nicht gelindert werden konnten. Beim funktionellen Kompartmentsyndrom findet der unter Belastung anschwellende Muskel in seiner festen Bindegewebshülle nicht genügend Platz. Dadurch wird die Blutversorgung eingeschränkt. Der daraus entstehende Sauerstoffmangel ist nicht nur schmerzhaft, sondern kann die Muskelfasern auf Dauer auch schädigen. Auch hier können eine MRT sowie die elektronische Messung des Kompartmentdrucks zu einer eindeutigen Diagnose verhelfen.

Bei akuten Schienbeinbeschwerden sind neben entzündungshemmenden Tabletten oder Spritzen (z.B. Ibuprofen, Diclofenac) physikalische und elektrotherapeutische Maßnahmen dringend zu empfehlen. Diese verordnet der behandelnde Arzt. Außerdem sollten in jedem Fall die Laufschuhe des Betroffenen auf charakteristische Verschleiß spuren kontrolliert werden. Allein daran lassen sich oft schon Überpronierer und -supinierer erkennen. Bei der Therapie spielt die Kräftigung der Fußmuskulatur eine wichtige Rolle.

10 Tipps zur Vorbeugung eines Schienbeinkanten-Syndroms

  1. Dehnen Sie Ihre Wadenmuskeln regelmäßig.
  2. Wärmen Sie sich vor sportlichen Belastungen immer auf.
  3. Wechseln Sie den Belag Ihrer Trainingsstrecke nicht zu abrupt.
  4. Wählen Sie Ihre Laufschuhe entsprechend dem Laufuntergrund.
  5. Passen Sie Ihre Lauftechnik dem Bodenbelag an.
  6. Trainieren Sie Ihr Fußgewölbe durch Barfußlaufen.
  7. Schulen Sie die Koordination Ihrer Unterschenkelmuskeln
  8. Dosieren Sie Ihr Lauftraining optimal.
  9. Planen Sie auch Trainingspausen ein.
  10. Kräftigen Sie Ihre Fußmuskulatur mit gezielten Übungen.

Berg laufen reduzieren

Auch der Trainingsplan sollte kritisch unter die Lupe genommen und entsprechend verändert werden: Das Berg laufen sollte in jedem Fall vermieden werden, die Belastung insgesamt muss reduziert und gegebenenfalls auch komplett bis zum Abklingen der akuten Reizung eingestellt werden. Je eher und konsequenter die Trainingspause, desto schneller wird die Entzündung abklingen. Nur so kann ein chronischer Zustand verhindert werden.

Das Training sollte erst wieder aufgenommen werden, wenn keine Druckempfindlichkeit mehr über dem Schienbein besteht und auch unter Belastung keine Schmerzen mehr auftreten. In der Übergangszeit sind dosiertes Radfahren, Schwimmen und Spinning mit geringem Widerstand geeignete Alternativen zum Laufen. Unter der Voraussetzung, dass die biomechanischen Ursachen analysiert und gezielt behandelt werden, stehen die Chancen, das Schienbeinkantensyndrom wieder loszuwerden, ziemlich gut.